{"id":2407,"date":"2020-04-30T10:33:43","date_gmt":"2020-04-30T08:33:43","guid":{"rendered":"http:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/?page_id=2407"},"modified":"2020-04-30T10:33:43","modified_gmt":"2020-04-30T08:33:43","slug":"ein-rueckblick-auf-meine-efd-zeit-in-jena","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/hosting\/volunteers-experiences\/ein-rueckblick-auf-meine-efd-zeit-in-jena\/","title":{"rendered":"Ein R\u00fcckblick auf meine EFD-Zeit in Jena"},"content":{"rendered":"<p>Als mir im\nApril 2011 Anne Neumann, eine Freiwillige aus Jena, vorschlug, doch einmal zu\nversuchen, einen Antrag zur Teilnahme an einem Freiwilligenprojekt in Jena zu\nstellen, \u00fcberlegte ich nicht lange und antwortete gleich: \u201eDa will ich hin!\u201c\nSchon so lange hatte ich von Deutschland getr\u00e4umt, dass es mir beinahe\ngleichg\u00fcltig war, an welchem Projekt ich mitmachen w\u00fcrde. Dabei hatte ich mit\nJena richtig Gl\u00fcck!<br>\nBald schon stellte sich aber heraus, dass der Begriff \u201eFreiwilliger\u201c von Russen\nund Europ\u00e4er je ganz anders verstanden wird. Freiwilliger zu sein, bedeutet f\u00fcr\ndie Mehrheit der Russen nicht mehr als \u201ejemandem bei etwas unentgeltlich, ohne\nBezahlung\u201c zu helfen. Dabei assoziieren den Begriff nicht alle gleich mit\nBegriffen wie Wohlt\u00e4tigkeit, Uneigenn\u00fctzigkeit oder Hilfsbereitschaft. In\nerster Linie verbinden viele das Wort mit kostenloser Arbeit, mit einer\nBesch\u00e4ftigung, die nichts einbringt. Daran, dass diese Arbeit auch eine\nmoralische Befriedigung oder ein h\u00f6heres Selbstwertgef\u00fchl sowie Stolz auf das\nVerrichtet bringen kann, denkt nicht jeder gleich. Man sieht derlei sogar eher\nskeptisch. Solange man keine rechte Vorstellung davon hat, sich nicht auskennt.\nDoch selbst wer vom H\u00f6rensagen wei\u00df, was Freiwilligenarbeit bedeutet, muss sich\njedes Mal wieder durch den dunklen Wald aus Unverst\u00e4ndnis und Unkenntnis\nk\u00e4mpfen.<br>\nGanz anders sieht das zugegebenerma\u00dfen in Europa aus. Schon in den\nNachkriegsjahren entstanden, richtete die Freiwilligenbewegung in Europa ihre\nKr\u00e4fte auf den Wiederaufbau der zerst\u00f6rten Welt. Heute genie\u00dft\nFreiwilligenarbeit in Europa hohes Ansehen. Gleich welche Initiativen junger\nMenschen mit dem Ziel, unsere Welt zu verbessern, erhalten finanzielle\nUnterst\u00fctzung. Es gibt recht viele F\u00f6rderprogramme, darunter auch staatliche.\nEines der bekanntesten nennt sich \u201eJugend in Aktion\u201c, l\u00e4uft seit 2007 und endet\nin diesem Jahr. Im Rahmen dieses Programms konnte auch ich mitwirken.<br>\nDas Ausf\u00fcllen des Antrags, ein langer Briefwechsel per E-Mail mit der mir\ndamals noch unbekannten Heide B\u00e4\u00df, das qu\u00e4lende Warten auf die\nTeilnahmebest\u00e4tigung am Programm, die drei Termine im Deutschen Konsulat in\nMoskau, um das Visum zu erhalten, \u2013 all das lag endlich hinter mir. Und schon\nsetzen mich meine Freunde in den Bus nach Moskau. \u201eLebt wohl! F\u00fcr ein ganzes\nJahr! Aber ich komme bestimmt wieder!\u201c Der Bus, der Kursker Bahnhof, die Metro,\nder Pawelezker Bahnhof, der Zubringer nach Domodedowo, der gewaltige Flughafen,\ndas Flugzeug. Da ist es! Das langersehnte Flugzeug nach Berlin! Der\nAbschiedsschmerz von der Anreise nach Moskau macht der Vorfreude auf das neue\nLeben Platz, voller unbekannter Erlebnisse.<br>\nAus dem Fenster ist endlich der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz zu erkennen.\nDer Flughafen Tegel. Mein Gep\u00e4ck hatte man aus welchem Grund auch immer schon\nvom Band genommen und wurde offenbar irgendwohin weitergeleitet. Ich war wohl\nzu lange an der Pa\u00dfkontrolle angestanden. Eine Frau, die \u00fcberhaupt kein Deutsch\nsprach, fand sich in der gleichen Notlage wieder. Sie geriet allm\u00e4hlich in\nPanik. Es war ihre erste Deutschlandreise, und da begannen gleich schon die\nProbleme mit dem Gep\u00e4ck. Ich bewahrte aber die Ruhe. Irgendwo tief drinnen\nwu\u00dfte ich, dass ich gerade hier keinen Grund zur Sorge hatte. Hier funktioniert\nalles wie in einem Uhrwerk. Unser Gep\u00e4ck fanden wir schlie\u00dflich ebenso m\u00fchelos\nwie den Weg zum Bus.<br>\nBerlin, Hauptbahnhof. Heide B\u00e4\u00df hatte mir per E-Mail eine seltsame Nummer\ngeschickt, von Hand geschrieben auf ein gescanntes Blatt, die ich in den Fahrkartenautomaten\neingeben sollte\u2026 Gut, dass mein alter Freund Sebastian, der im M\u00e4rz 2010 in\nWladimir zu Gast war, Zeit gefunden hatte, mich am Bahnhof zu treffen und mir\ngleich auch mit der Fahrkarte zu helfen! Und da ist er schon, der ICE, dieser\nfuturistische Schnellzug, wie ich ihn von Bildern aus Deutschland kannte! Und\nich hatte einen Sitzplatz dort reserviert. Jetzt kann auch ich diese\nGeschwindigkeit genie\u00dfen. Doch dann hatte die Sache doch gar nichts\n\u00dcbernat\u00fcrliches an sich.&nbsp;Auch nicht mehr als einfach ein\nHochgeschwindigkeitsverkehrsmittel. Zumal ja auch bei uns der Sapsan schon\nlange l\u00e4uft, gekauft bei Siemens.<br>\nRasch kam nun der langersehnte Moment: Ankunft in Jena. Schon allein der Name\ndes Bahnhofs ist vielversprechend \u2013 Paradies. Anne Neumann mit ihren Freunden,\nHeide B\u00e4\u00df und Andr\u00e9 G\u00fcllmar, mein Tutor bei der neuen Arbeit. Alle waren sie\ngekommen, mich abzuholen. Welche Ehre! Eine ganze Delegation. Fehlte nur noch\ndas Empfangsorchester! Willkommen im Paradies!<br>\nAm meisten freilich begeisterte mich das Freiwilligenseminar in Weimar, in der\nEurop\u00e4ischen Jugendbegegnungsst\u00e4tte. Da kamen zwanzig junge Freiwillige aus\nganz Europa und den Nachbarl\u00e4ndern zusammen. Nie zuvor hatte ich eine solche\nMenge derart interessanter und so unterschiedlicher Leute an einem Ort unter\nsolchen Umst\u00e4nden getroffen. Nie zuvor hatte ich so viel in so kurzer Zeit in\neiner kleinen, aber internationalen Gruppe von Menschen erlebt, und dergleichen\nwerde ich wohl auch nie mehr mitmachen k\u00f6nnen: Spiele zum Kennenlernen und Kommunizieren,\nimprovisiertes Theater, Diskussion schwierigster politischer Fragen, ein\nAugenzeugenbericht \u00fcber die schreckliche Lage in Pal\u00e4stina, ein Besuch von\nBuchenwald, Frisbee-Spielen auf dem Rasen im historischen Zentrum von Weimar,\nder Geburtstag von Magda aus Polen, das russische Lied von Krokodil Gena auf\nDeutsch \u201cWenn die Fu\u00dfg\u00e4nger flitzen \/ tapsend \u00fcber die Pf\u00fctzen\u201d am n\u00e4chtlichen\nLagerfeuer, Diskotheken mit Tanz zu Musik aus aller Herren L\u00e4nder, der\nMischmasch aller europ\u00e4ischen Sprachen tagt\u00e4glich, das dauernde \u00dcbersetzen ins\nDeutsche, Englische, Franz\u00f6sische, Spanische, Ungarische, Russische\u2026<br>\nIch werde diese Momente und diese Menschen, mit denen ich zusammenlebte, nie\nvergessen. Diese gerade einmal zehn Tage haben viele von uns unwahrscheinlich\nzusammengeschwei\u00dft. Wir treffen uns immer noch. Viele sind in Berlin wohnen\ngeblieben, andere sind wieder zur\u00fcckgekehrt, \u00fcberallhin in Europa. Und ihre\nT\u00fcren stehen mir immer offen! Man wird mich immer wie den eigenen Bruder\naufnehmen und ein Pl\u00e4tzchen zum \u00dcbernachten finden. Offene T\u00fcren, W\u00e4rme und\nBehaglichkeit \u00fcberall und f\u00fcr alle, zumindest in Europa. Gegenseitiges\nVerstehen und Freundschaft, Offenheit und Hilfsbereitschaft. Daf\u00fcr lohnt es zu\nleben, darauf lohnt es, seine Kr\u00e4fte und Zeit zu verwenden. Zeit, um Br\u00fccken zu\nbauen und T\u00fcren zu \u00f6ffnen. Und war das nicht auch das ureigene Ziel dieses\nganzen Freiwilligenprogramms? Ein besonderes Dankesch\u00f6n an die Europ\u00e4ische\nJugendbegegnungsst\u00e4tte in Weimar f\u00fcr die K\u00fcche bei diesem Seminar! Derart viele\nK\u00e4sesorten habe ich noch nie zuvor zum Fr\u00fchst\u00fcck angeboten bekommen.<br>\nEin ganzes Jahr verging so. Noch nie zuvor hatte ich so hautnah wie im Verlauf\ndieses Jahres versp\u00fcrt, wie gro\u00df und zugleich klein und zerbrechlich unsere\nWelt doch ist. In diesem Jahr habe ich viel begriffen, ich habe eine Menge\nSachen erlebt, war an sehr interessanten Orten und in den unterschiedlichsten\nSituationen zugegen.<br>\nIch bin all denen dankbar, die in dieser ganzen Zeit an meiner Seite standen.\nIch bin Cornelia Bartlau und Heide B\u00e4\u00df f\u00fcr ihre Organisationsarbeit in der\nEurowerkstatt Jena e.V. dankbar. Danke an Euch f\u00fcr die Unterst\u00fctzung in\nschweren Momenten, die es nat\u00fcrlich auch gab. Dank an das Team vom\nJugendzentrum Eastside f\u00fcr die herzliche Atmosph\u00e4re, in der ich dieses Jahr\nverbrachte, und daf\u00fcr, da\u00df sie mich in ihre Familie aufgenommen haben. Danke,\nAndr\u00e9, Katharina, Isa, Anina und Liebi! Danke f\u00fcr die Erfahrung und f\u00fcr Eure\nRatschl\u00e4ge. Dank an alle ehrenamtlichen Mitarbeiter im<br>\nEastside: Felix, Fritzi, Annika, Mirri, Claudia, Dascha, Flo\nund Luisa, Sandra und die anderen. Mein Gru\u00df geht an alle Praktikanten, mit\ndenen ich die Zeit verbrachte, besonders an Albert, der mir in der Anfangszeit\nhalf, mich einzuleben, und der sp\u00e4ter selbst als Freiwilliger nach Rum\u00e4nien\nging.<br>\nUnd nat\u00fcrlich w\u00fcnsche ich Kateryna Erfolg, einer Freiwilligen aus Kiew, die\nnach mir, im Jahr 2012, zur Arbeit ins Eastside gekommen war, und mit der ich\nmich bei der gemeinsamen Projektarbeit angefreundet habe. Nat\u00fcrlich w\u00fcnschen\nwir alle Anna Kulakowa, der n\u00e4chsten Freiwilligen aus Wladimir, die im\nSeptember 2013 die Arbeit aufnehmen will, gutes Gelingen bei der\nAntragsstellung. Dank an alle Freiwilligen, mit denen ich wie in einer Familie\nzusammenlebte. Nat\u00fcrlich werde ich Euch alle noch besuchen, dort in Barcelona\noder in Nitra, in der Slowakei. Und nat\u00fcrlich werden wir uns eines Tages auch\nalle in Jena wiedersehen!<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>Iwan Nisowzew (aus dem Russischen von Peter Steger)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Ivan aus Russland <\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":2372,"menu_order":14,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-templates\/grid-page.php","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"class_list":["post-2407","page","type-page","status-publish","hentry"],"campaignId":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2407"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2408,"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2407\/revisions\/2408"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2372"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eurowerkstatt-jena.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}